Diagnostik von Psychopathy in der Legalprognose

Studie: Beiträge von berufsbezogen kontextualisierten Verfahren zur Diagnostik von Psychopathy in der Legalprognose – eine Vergleichsbetrachtung der Verfahren

PCL-R und TOP

Dr. Michael Wiedemann & Prof. Dr. Dominik Schwarzinger

Berlin, Mai 2020

Thema

Das Konzept der Psychopathy spielt in der Kriminalprognose eine große Rolle. Oft wird in Lehrbüchern auf die Erhöhung des Rückfallrisikos hingewiesen, wenn deutliche psychopathische Züge vorliegen. Wie einflussreich das Konzept ist, zeigt sich darüber, dass in einzelnen kriminalprognostischen Verfahren der Wert der Psychopathy Checklist (PCL-R; Hare, 2003) in den Gesamtwert mit eingeht (z.B. im VRAG).

Zu diesem Einsatzzweck wird meist auf das genannte Verfahren – die PCL-R – zurückgegriffen, das in Form eines teilstrukturierten Interviews nebst Akten- bzw. Fallstudium durchgeführt wird. Alternativen sind Selbstratings, also z.B. der Fragebogen psychopathischer Persönlichkeitseigenschaften (FPP; Etzler & Rohrmann, 2017). 

Als Probleme diskutiert werden zur PCL-R unter anderem unvollständige Fallakten und das Angewiesensein auf persönliche Interviews mit den zu Begutachtenden, also den üblichen Gefahren einer Fremdeinschätzung, benannt. Bei einer Selbsteinschätzung durch den Probanden die mögliche Verfälschung (Dissimulation, soziale Erwünschtheit), da ihm oft bewusst ist, dass einzelne seiner Persönlichkeitszüge kritisch gesehen werden könnten.

Im Ergebnis ist nach dem Stand der Forschung ein multidimensionales Vorgehen angezeigt, das die Befunde von Selbst- und Fremdeinschätzungen integriert und so deren jeweilige Vor- und Nachteile ausgleicht.

Im Feld der Personalpsychologie steht das Merkmal Psychopathie ebenfalls seit einigen Jahren im Fokus, in erster Linie da erhebliche negative Auswirkungen auf geführte Mitarbeiter*innen und Beziehungen von Psychopathie mit kontraproduktiven Verhaltensweisen am Arbeitsplatz nachgewiesen werden konnten (vgl. z.B. LeBreton, Shiverdecker & Grimaldi, 2018). Aufgrund fachlicher Vorgaben in der operativen Personalarbeit sind klassische Verfahren wie die PCL-R zu diesem Zweck nicht einsetzbar, weshalb das berufsbezogen kontextualisierte Verfahren Dark Triad of Personality at Work (TOP; Schwarzinger & Schuler, 2016) entwickelt wurde. Trotz unproblematischer Items zu alltäglichen beruflichen Verhaltensweisen ist die TOP in der Lage Psychopathie, in einer berufsbezogenen, subklinischen, dimensionalen Form, zu einem substanziellen Ausmaß zu erfassen (daneben die beiden anderen Dunkle Triade-Merkmale Narzissmus und Machiavellismus), bei gleichzeitig nachweislich höherer Akzeptanz der Probanden und daher potenziell geringerer Verfälschung.  

Damit scheint es vielversprechend, dieses Verfahren auf seine Anwendbarkeit und mögliche Nutzungszwecke für den forensischen Kontext zu untersuchen, insbesondere da der soziale Empfangsraum relevant bei der Erstellung einer Legalprognose ist und mit der TOP der Teilbereich der weiteren beruflichen Entwicklung mit betrachtet wird. Es geht damit nicht darum, eine Psychopathy-Diagnose an sich zu stellen, was mit dem Verfahren nicht möglich oder intendiert ist (vgl. Testmanual der TOP), oder anerkannte Verfahren bzw. deren Diagnose zu ersetzen, sondern zusätzlich zu diesen konkrete potentiell negative Verhaltensweisen im späteren sozialen Empfangsraum Beruf abzuklären und einen zusätzlichen Indikator zu validieren, der mit den Befunden anderer Verfahren verglichen und kombiniert werden kann.

Als erste Fragestellung soll geklärt werden, inwieweit durch die Ergebnisse eines zweiten Verfahrens vertiefte Einblicke in Prozesse beschönigender Selbstdarstellung gewonnen werden können. Damit sollen die Datengrundlagen von Legalprognosen genauer und belastbarer gemacht werden. Das zweite Ziel besteht in der Klärung von möglichen Beiträgen für die berufsbezogene Eignungsdiagnostik an zukünftigen Arbeitsplätzen durch für den beruflichen sozialen Bezugsrahmen entwickelte Verfahren. Damit soll ebenfalls eine genauere Aussage darüber möglich sein, welche potenziellen Berufe der Persönlichkeitsdisposition der Begutachteten entsprechen. Probleme, die hier auftreten, können nicht nur die Eingliederung erschweren, sondern auch zu damit zusammenhängenden erneuten problematischen Auffälligkeiten führen. Durch die weiteren Erkenntnisse eines zusätzlichen Verfahrens könnte also eine bessere berufliche Passungsaussage in der Legalprognose realisiert werden, die den Resozialisierungserfolg erhöht und so Klienten und Partnerunternehmen hilft.

Dafür wurde 2018 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt von Michael Wiedemann, als forensischer Psychologe, und Dominik Schwarzinger, aus dem Feld der Berufseignungsdiagnostik, begonnen, das diese und weitere Fragen klären soll und nach Abschluss, Handlungsempfehlungen für in der Legalprognose tätige Psychologen liefern soll.

Zu diesem Zweck wurde ein erster Pretest der Instrumente im Rahmen der Legalprognose durchgeführt. Die Stichprobe besteht aus N = 10 Männern im Strafvollzug. Das Alter beträgt im Durchschnitt 35,4 Jahre (SD = 10.9). 70% haben eine ICD10 Diagnose, in einem Fall eine Persönlichkeitsstörung und in drei Fällen einen Alkohol- oder Drogenmissbrauch sowie in drei Fällen beide Störungstypen. Dabei ergaben sich substanzielle Beziehungen des TOP-Faktors Psychopathischer Arbeitsstil zu allen 4 Skalen (r = .27 – .50) und dem Gesamtwert der PCL-R (r = .62), was als erstes Anzeichen konstruktbezogener Validität aufgefasst werden kann (für weitere Belege bezüglich dimensionalen Psychopathie-Selbsteinschätzungsskalen siehe das Testmanual der TOP). Derzeit sind bereits 20 weitere Begutachtungen mit entsprechender Datenerhebung in der Durchführung, eine Stichprobe von N = 50-100 wird im Laufe eines Jahres angestrebt.

Im nun avisierten nächsten Schritt soll daher die Datenbasis erweitert werden und vor allem Daten durch weitere unabhängige Gutachter*innen eingebracht werden.

Insofern würden wir uns wünschen, dass möglichst viele Fachpsychologen*innen für Rechtspsychologie uns mit weiteren Daten helfen.

D.h. konkret: In Fällen, in denen ein Gutachten zur Legalprognose erstellt werden soll, also zu Insassen in einer JVA (Aussetzung des Strafrestes zur Bewährung), einer Sicherungsverwahrung oder einem MRV, sollte zunächst vom Gutachter*in überprüft werden, ob die Anwendung der PCL-R sinnvoll ist und weitere Daten zur Legalprognose im Hinblick auf das Konstrukt der Psychopathie oder der beruflichen Entwicklung als Teil des sozialen Empfangsraumes erforderlich sind.

In diesem Fall sollen die PCL-R und die TOP (wir werden parallel zu der Darstellung in der Pinnwand Formblätter verschicken) angewendet werden und nachfolgend uns die Formblätter beider Tests in vollständig anonymisierter Form (s. dazu unten) zugeschickt werden. Wir werten die TOP aus und werden die Ergebnisse ausführlich darstellen und ihnen spätestens nach 7 Tage übersenden. 

Nutzen und potentielle Risiken

Wie bereits angeführt, sind die Normen der TOP nicht an einer speziellen Gruppe von Inhaftierten oder Untergebrachten überprüft worden. Insofern gilt für die erhaltenen Daten (wie in anderen Fällen, z.B. bei der Vorgabe der meisten Persönlichkeitstests, die ebenfalls keine speziellen Normen aufweisen), dass diese ideosynkratisch in die gesamte Befundlage eingearbeitet werden müssen. Die TOP bietet zumindest aufgrund der Untersuchungen zu seiner Validität Hilfen zur Prognose der beruflichen Laufbahn. Sie können also bereits aus diesen Ergebnissen zusätzliche Hinweise für Ihr Gutachten erhalten.

Insofern ist der Nutzen der TOP mehrdimensional: Sie gibt Hinweise für die Legalprognose hinsichtlich des sozialen Empfangsraumes / der beruflichen Integration, aber genauso eine ggfs. wenig verfälschte Selbsteinschätzung zu kritischen Persönlichkeitszügen, also zum aktuellen Stand der Behandlung (bzw. Hinweise auf einen möglichen positiven Verlauf).

Eine Aufwandsentschädigung können wir nicht anbieten, hoffen aber, über die zusätzlichen Daten (und vielleicht in naher Zukunft die Möglichkeit des Einsatzes eines weiteren Verfahrens für die Legalprognose) einen Mehrwert zu schaffen. Die Test- und Auswertungsbogen der TOP und PCL-R können Ihnen selbstverständlich kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.

Datenschutz

Das Studiendesign ist voll anonymisiert und – wie alle Schritte in einer Begutachtung – ist die freiwillige Teilnahme der Probanden zu gewährleisten. Sie schicken uns die Daten nur mit einer von Ihnen gewählten Kennung, so dass ggfs. bei späteren Nachfragen eine Zuordnung möglich wird, wir aber nicht die Namen, Anstalten, Grund der Inhaftierung usw. erfahren. Wir erheben und vergleichen nachfolgend nur Daten in Form von Gruppenwerten. 

Wir haben, um die Daten- und Persönlichkeitsschutzrechte der Teilnehmer Genüge zu leisten, bereits Rücksprache mit dem Justiziar des BDP, Herrn Frederichs, gehalten. Dieser sah die Richtlinien eines ethisch angemessenen Vorgehens erfüllt. Er wies darauf hin, dass die Datenerhebung ohne Hinweis auf eine zusätzliche wissenschaftliche Auswertung durch Sie allerdings nur möglich ist, wenn Sie die Daten für Ihre Bewertung benötigen (vgl. Kapitel Nutzen und potentielle  Risiken).

Kontakt

Dr. Michael Wiedemann 

Fachpsychologe für Rechtspsychologie, Arbeit als freier Sachverständiger in Berlin

info @gutachten-wiedemann.de

Link

Wir werden parallel die Formblätter für die verwendeten Verfahren per Post verschicken.

Deadline

Ostern 2021